Wer in Deutschland zum ersten Mal Bitcoin oder Ethereum kauft, trifft die Entscheidung immer häufiger nach einem Video, nicht nach einem Beratungsgespräch. Die BaFin hat in ihrer Risikoanalyse für 2026 Zahlen vorgelegt, die genau diesen Wandel messen. Und die auffälligste Zahl ist kein Kurs, sondern ein Verhältnis: Wer regelmäßig Finfluencern folgt, kauft fast viermal so oft Kryptowerte wie jemand ohne diesen Einfluss.
Die Zahlen, die den Kanal beschreiben
Laut BaFin bezieht mehr als die Hälfte der Anlegerinnen und Anleger zwischen 18 und 45 Jahren Finanzinformationen über Plattformen wie YouTube und Instagram. 60 Prozent dieser Gruppe halten soziale Medien für eine brauchbare Alternative zur professionellen Finanzberatung. Das ist der Boden, auf dem alles Weitere wächst.
Interessant wird es beim direkten Vergleich. Von den Befragten, die soziale Medien regelmäßig für Finanzthemen nutzen, haben 43 Prozent Kryptowerte gekauft, gegenüber 25 Prozent bei denen, die das nicht tun. Noch deutlicher fällt der Kontrast beim Kontakt zu Finfluencern aus: 48 Prozent der Menschen, die solche Inhalte konsumieren, haben Kryptowerte erworben, verglichen mit 13 Prozent ohne diesen Kontakt. Denselben Sprung von 13 auf 48 Prozent zeigt die BaFin auch dort, wo Finfluencer Zugang zu geschlossenen Messenger-Gruppen anbieten.
| Gruppe | Anteil mit Krypto-Kauf |
|---|---|
| Ohne Finfluencer-Kontakt | 13 Prozent |
| Mit Finfluencer-Kontakt | 48 Prozent |
| Ohne Social-Media-Nutzung für Finanzen | 25 Prozent |
| Mit regelmäßiger Social-Media-Nutzung | 43 Prozent |
Warum die BaFin nicht vor Krypto warnt, sondern vor dem Kanal
Der entscheidende Punkt der Analyse ist eine Verschiebung des Blickwinkels. Die BaFin behandelt Kryptowerte hier nicht als das eigentliche Problem. Das Risiko liegt im Vertriebsweg. Ein Video, das eine hohe Rendite verspricht, unterliegt keiner Beratungspflicht, kennt die finanzielle Lage des Zuschauers nicht und trägt selten offen, wer den Beitrag bezahlt hat. Genau dort setzt der Missbrauch an.
Die Aufsicht hat 2025 rund 100 Warnungen vor betrügerischen Chatgruppen ausgesprochen, überwiegend auf WhatsApp. Das Muster ähnelt sich: kostenlose Tipps als Köder, dann der Wechsel in eine geschlossene Gruppe, dann der Druck, schnell eine bestimmte Coin oder Plattform zu nutzen. Dass die BaFin bei den befragten Anlegern schon bei einer eigenen Umfrage große Wissenslücken fand, macht diese Gruppen so wirksam. Wie tief diese Lücken reichen, hatte die Behörde bereits gezeigt, als sie feststellte, dass sich 54 Prozent der Krypto-Anleger bei einer Grundfrage zu Bitcoin irrten.
Die geschlossene Gruppe ist dabei kein Zufall, sondern Teil der Mechanik. In einem öffentlichen Video lässt sich schwer koordinieren, wann viele Menschen gleichzeitig kaufen. In einer Gruppe mit klarer Hierarchie und dem Versprechen exklusiver Informationen dagegen schon. Steigt der Kurs einer wenig gehandelten Coin durch die gebündelten Käufe der Mitglieder, verkaufen die Organisatoren in genau diese Nachfrage hinein. Zurück bleiben die Anleger, die dem Tipp am spätesten gefolgt sind. Dass die BaFin diese Struktur ausdrücklich benennt, unterscheidet ihre Analyse von der bloßen Warnung vor schwankenden Kursen.
Volatilität als Realität, nicht als Fußnote
Dass die Warnung berechtigt ist, zeigt der Markt selbst. Die BaFin verweist auf den Kursverlauf von Ethereum, das Anfang 2025 bei rund 3.300 US-Dollar stand und bis April auf etwa 1.500 US-Dollar fiel, ein Minus von 54 Prozent in vier Monaten. Für einen Anleger, der nach einem Finfluencer-Video zum Höchststand eingestiegen ist, ist das kein abstraktes Risiko.
Zur Einordnung der Größenverhältnisse nennt die Analyse Marktdaten von Ende 2025: Bitcoin kam auf eine Marktkapitalisierung von etwa 1,8 Billionen US-Dollar und damit rund 53 Prozent des gesamten Kryptomarktes, Ethereum auf ungefähr 380 Milliarden US-Dollar oder 11 Prozent. Der Bereich der Memecoins lag bei rund 48 Milliarden US-Dollar, wovon Dogecoin allein etwa 22 Milliarden ausmachte. Gerade Memecoins, die oft ohne erkennbaren Gegenwert über soziale Medien beworben werden, sind der Teil des Marktes, in dem der Vertriebsweg und das Risiko am engsten zusammenfallen.
Was Anleger aus den Zahlen ziehen können
Die BaFin verbietet Finfluencer nicht, und ein Video ist nicht automatisch falsch. Aber die Zahlen legen eine einfache Prüfung nahe: Wer profitiert davon, dass ich diese Coin kaufe? Ein seriöser Beitrag nennt Risiken, offenbart bezahlte Partnerschaften und drängt nicht in geschlossene Gruppen. Der rechtliche Rahmen hilft dabei nur begrenzt. Zwar hat das Finanzmarktdigitalisierungsgesetz Ende 2024 die europäische Krypto-Verordnung MiCA in deutsches Recht überführt und stärkt die Rechte von Kleinanlegern, doch diese Regeln greifen bei lizenzierten Anbietern, nicht bei anonymen Tippgebern in einem Chat. Welche Schutzrechte Kleinanleger unter MiCA konkret haben, lohnt daher die genaue Lektüre. Und wer sich vom Vertriebsweg unabhängig machen will, kommt an der Frage der eigenen Verwahrung nicht vorbei, für die unser Beitrag zur Self Custody mit einem Hardware-Wallet die Grundlagen liefert. Die stärkste Absicherung bleibt am Ende das eigene Verständnis dessen, was man kauft.