Die britische Finanzaufsicht FCA führt Gespräche mit Polymarket und Kalshi über einen möglichen Markteintritt in Großbritannien. Simon Walls, Leiter der Märkteabteilung der FCA, bestätigte die Diskussionen am 6. Oktober 2026 gegenüber der Financial Times. Ein britischer Start bleibt jedoch an mehrere regulatorische Hürden gebunden, die einen schnellen Eintritt unwahrscheinlich machen.
Polymarket und Kalshi betreiben Prediction Markets, auf denen Nutzer auf die Ergebnisse politischer, wirtschaftlicher und sportlicher Ereignisse wetten können. In den USA sind beide Plattformen aktiv, kämpfen aber mit regulatorischen Herausforderungen. Der Bundesstaat New York hat beide Unternehmen wegen angeblich unlizenziertem Glücksspiel verklagt. International sind die Plattformen in Frankreich und Spanien bereits gesperrt.
Das britische Problem: Binäre Optionen und Glücksspiel
Seit dem 2. April 2019 verbietet Großbritannien den Verkauf binärer Optionen an Privatkunden. Die FCA stufte Prediction Markets in ihrem Bericht von 2026 als binäre Optionen ein, was bedeutet, dass sie unter dieses Verbot fallen. Gleichzeitig unterliegen politische und sportliche Wetten der Gambling Commission, nicht der FCA.
Eine Plattform, die sowohl finanzielle als auch politische Märkte anbietet, bräuchte also zwei Lizenzen: eine Ausnahme vom binären Optionsverbot für Finanzmärkte und eine Glücksspiellizenz für politische Märkte. Diese Aufteilung macht einen All-in-One-Start schwierig. Polymarket bietet derzeit Märkte für US-Wahlen, Krypto-Preise, Sportergebnisse und geopolitische Ereignisse an. In Großbritannien müsste das Unternehmen diese Märkte trennen oder auf einen Teil verzichten.
Wie Prediction Markets funktionieren
Auf Polymarket können Nutzer Anteile an einem Ergebnis kaufen. Zum Beispiel: "Wird Bitcoin bis Ende Oktober 2026 über 90.000 Dollar steigen?" Ein Ja-Anteil kostet derzeit 0,42 Dollar. Tritt das Ereignis ein, zahlt der Anteil einen Dollar aus. Tritt es nicht ein, verfällt er wertlos. Der Preis eines Anteils spiegelt die kollektive Einschätzung der Wahrscheinlichkeit wider.
Polymarket verdient an Transaktionsgebühren, nicht an Wettverlusten. Das unterscheidet es von traditionellen Buchmachern, die als Gegenpartei auftreten und von Verlusten der Spieler profitieren. Laut Neal Kumar, dem Chief Legal Officer von Polymarket, macht das den Dienst zu einem Informationsmarkt, nicht zu Glücksspiel. Diese Argumentation überzeugte britische Regulatoren bisher nicht.
Deutsche und europäische Situation
In Deutschland sind Prediction Markets eine Grauzone. Die BaFin hat sich nicht explizit dazu geäußert, aber ähnliche Produkte würden unter das Glücksspielrecht fallen, das Ländersache ist. Jedes Bundesland hat eigene Regelungen, was einen bundesweiten Start schwierig macht.
Unter MiCA, der EU-Krypto-Regulierung, könnten Prediction Markets auf Blockchain-Basis als Crypto-Asset Service Provider eingestuft werden. Polymarket läuft auf der Polygon-Blockchain und verwendet USDC als Zahlungsmittel. Das würde eine MiCA-Lizenz erfordern. Allerdings deckt MiCA keine Glücksspieldienste ab. Wenn eine Behörde Prediction Markets als Glücksspiel einstuft, greift MiCA nicht.
Frankreichs Blockierung von Polymarket erfolgte über die Glücksspielbehörde ANJ, nicht über die Finanzaufsicht AMF. Das deutet darauf hin, dass französische Behörden Prediction Markets als Glücksspiel sehen, unabhängig von der technischen Implementierung auf einer Blockchain. Deutschland könnte theoretisch einen eigenen Weg gehen, aber die Zuständigkeit der Bundesländer für Glücksspiel macht das kompliziert.
Technische Unterschiede zwischen Polymarket und Kalshi
Polymarket ist dezentral und läuft auf Polygon, einem Ethereum Layer 2. Transaktionen sind pseudonym, und das Unternehmen hält keine Kundengelder in traditionellen Bankkonten. Nutzer verbinden ihre eigenen Wallets und handeln direkt auf der Blockchain. Diese dezentrale Struktur erschwert Aufsicht und Durchsetzung.
Kalshi ist zentralisiert und in den USA unter CFTC-Aufsicht. Nutzer eröffnen Konten, hinterlegen Dollar und handeln auf einer regulierten Plattform. Kalshi führt KYC durch und meldet Transaktionen an Behörden. Für britische Regulatoren könnte Kalshis zentralisiertes Modell akzeptabler sein, weil es bestehenden Finanzinfrastrukturen ähnelt.
Der politische Aspekt
Prediction Markets haben in den USA während der Präsidentschaftswahl 2024 und der Midterms 2026 stark an Popularität gewonnen. Polymarket verzeichnete im September 2026 ein Handelsvolumen von über 400 Millionen Dollar, hauptsächlich auf Wahlmärkte. In Großbritannien wäre ein Markt für britische Wahlen politisch heikel.
Die Electoral Commission, die Wahlen überwacht, hat sich gegen Wettmärkte auf Wahlergebnisse ausgesprochen, mit der Begründung, dass sie anfällig für Manipulation seien. Ein großer Akteur könnte durch hohe Wetten den wahrgenommenen Wahlausgang beeinflussen und so Wählerverhalten ändern. Ob das in der Praxis passiert, ist umstritten, aber die Sorge bleibt. In Deutschland gibt es ähnliche Bedenken, weshalb Wetten auf Bundestagswahlen in den meisten Bundesländern verboten sind.
Die FCA-Position und mögliche Wege
Simon Walls bestätigte die Gespräche, nannte aber keine Details zum Fortschritt. Die FCA muss entscheiden, ob sie eine Ausnahme vom Verbot binärer Optionen gewährt oder ob sie Prediction Markets generell als Glücksspiel einstuft. Eine dritte Möglichkeit wäre eine neue Regulierungskategorie speziell für Prediction Markets. Das würde jedoch Gesetzesänderungen erfordern, was Jahre dauern kann.
Großbritanniens Austritt aus der EU gibt der FCA mehr Gestaltungsspielraum als EU-Behörden, die MiCA-Vorgaben folgen müssen. Ein Präzedenzfall existiert in der Schweiz. Die FINMA erlaubt bestimmte Prediction Markets unter Finanzmarktregulierung, sofern sie keine Sportwetten beinhalten. Sportmärkte bleiben unter Glücksspielrecht. Dieses Modell könnte für Großbritannien als Vorlage dienen.
Internationale Blockaden als Warnsignal
Polymarket ist bereits in mehreren Ländern gesperrt. Frankreich ordnete im Juli 2026 eine Blockierung an, Spanien folgte im September. In beiden Fällen argumentierten die Behörden, dass Polymarket unlizenziertes Glücksspiel anbiete. Kalshi, das in den USA unter CFTC-Regulierung steht, wurde ebenfalls in New York verklagt. Diese internationalen Blockaden zeigen, wie unterschiedlich Regulierungsbehörden Prediction Markets einordnen.
Sollte Großbritannien Polymarket oder Kalshi zulassen, könnte das Druck auf EU-Länder ausüben, ebenfalls Regeln zu lockern. Allerdings ist Großbritannien nach dem Brexit nicht mehr an EU-Entscheidungen gebunden, und die EU zeigt wenig Neigung, Glücksspielregeln zu harmonisieren. Österreich und die Schweiz haben zentralisierte Glücksspielaufsicht, was einen Start erleichtern könnte. Die Schweiz erlaubt bereits begrenzte Prediction Markets, Österreich hat sich noch nicht positioniert.
Ausblick und Implikationen
Die FCA-Gespräche bedeuten nicht, dass ein britischer Start bevorsteht. Walls' Bestätigung zeigt lediglich, dass die Behörde das Thema prüft. Eine Entscheidung könnte Monate oder Jahre dauern. Für Polymarket und Kalshi wäre Großbritannien ein wichtiger Markt. London ist ein globales Finanzzentrum mit hoher Krypto-Akzeptanz. Ein britischer Start würde Legitimität schaffen und könnte andere Länder zum Umdenken bewegen.
Gleichzeitig zeigen die Klagen in New York und die Blockaden in Frankreich und Spanien, dass regulatorischer Widerstand stark bleibt. Solange Behörden Prediction Markets mehrheitlich als Glücksspiel einstufen, bleiben die Wachstumsmöglichkeiten begrenzt. Für deutsche Nutzer bleibt der Zugang zu Polymarket theoretisch möglich, da die Plattform dezentral ist und keine KYC durchführt. Allerdings ist unklar, ob die Teilnahme legal ist.
Die Grauzone zwischen Finanzprodukt und Glücksspiel ist weder für Nutzer noch für Anbieter geklärt. Bis europäische Regulatoren eine einheitliche Position finden, werden Prediction Markets weiterhin in einem rechtlichen Niemandsland operieren. Die FCA-Gespräche sind ein erster Schritt, aber der Weg zu einer klaren Regulierung bleibt lang und ungewiss.