Tether ist mit einem Marktwert von über 180 Milliarden Dollar der grösste Stablecoin der Welt. Und doch dürfen Börsen mit einer EU-Lizenz den USDT-Token an Anleger im DACH-Raum nicht mehr frei anbieten. Der Grund liegt nicht in einem Skandal oder einem Kursverlust, sondern in der europäischen Krypto-Verordnung MiCA. Wer verstehen will, warum der wichtigste Dollar-Stablecoin in Europa ins Abseits geraten ist und welche Optionen bleiben, muss die Anforderungen der Regeln kennen.
Was MiCA von Stablecoin-Emittenten verlangt
MiCA behandelt an eine Währung gekoppelte Token als E-Geld-Token und stellt an ihre Herausgeber hohe Anforderungen. Ein Emittent braucht eine Zulassung als E-Geld-Institut, muss einen erheblichen Teil der Reserven bei Banken im Euroraum halten und unterliegt der Aufsicht durch die Europäische Bankenaufsicht. Ziel ist, dass ein Stablecoin jederzeit zum Nennwert eingelöst werden kann und die Reserven transparent und sicher verwahrt sind.
Tether hat diesen Weg nicht eingeschlagen. Firmenchef Paolo Ardoino hat die Vorgaben als unvereinbar mit dem eigenen Geschäftsmodell bezeichnet. Ohne die passende Zulassung darf ein regulierter Handelsplatz den Tether-Token in der EU nicht als konformen Stablecoin führen. Die Folge: Lizenzierte Plattformen haben die USDT-Handelspaare für europäische Nutzer entfernt oder eingeschränkt.
Was das für Anleger im DACH-Raum bedeutet
Für die Praxis heisst das nicht, dass USDT über Nacht verschwunden ist. Bestehende Guthaben lassen sich in der Regel weiter halten und in andere Token tauschen. Wohl aber ist der bequeme Zugang über die grossen, in der EU regulierten Börsen eingeschränkt. Wer bisher Kurse in USDT gerechnet oder Gewinne dort geparkt hat, muss umdenken. Der Handel verlagert sich entweder auf konforme Alternativen oder auf Plattformen ausserhalb des regulierten europäischen Rahmens, was eigene Risiken mit sich bringt.
Spürbar wird der Bruch vor allem bei der Liquidität. Tether war jahrelang der Standard, gegen den viele Kryptowährungen gehandelt wurden, und USDT diente als Brücke zwischen den Coins. Fällt dieser Ankerwert auf regulierten Plattformen weg, verteilt sich das Handelsvolumen auf mehrere kleinere Stablecoins. Das kann Spreads verbreitern und den Handel für DACH-Anleger teurer machen, zumindest solange die Alternativen nicht die gleiche Tiefe erreichen wie Tether im globalen Markt.
Diese Verschiebung ist Teil eines grösseren Bildes. MiCA hat den Markt für an den Euro gekoppelte Token spürbar belebt, auch wenn diese im weltweiten Vergleich klein bleiben. Warum die Euro-Stablecoins unter MiCA boomen und trotzdem winzig bleiben, haben wir bereits im Detail beleuchtet.
Die konformen Alternativen
An die Stelle von USDT treten Stablecoins, deren Herausgeber die MiCA-Zulassung erworben haben. Bei den Dollar-Token ist USDC von Circle die naheliegende Wahl, das Unternehmen ist in Frankreich als E-Geld-Institut zugelassen. Auf der Euro-Seite bieten sich EURC von Circle sowie weitere zugelassene Token an. Auch Paxos ist mit einem Dollar- und einem Euro-Stablecoin über eine Zulassung in Finnland vertreten.
- USDC: Dollar-Stablecoin von Circle, in der EU zugelassen, gilt als direkter USDT-Ersatz.
- EURC: Euro-Stablecoin von Circle, vollständig unter MiCA autorisiert.
- Weitere Euro-Token: mehrere Anbieter mit Zulassung in einzelnen EU-Ländern.
Wie weit die Aufsicht bei der Vergabe von Lizenzen inzwischen ist, zeigt der deutsche Stand, bei dem die BaFin unter MiCA bereits Dutzende Anbieter lizenziert hat. Für Anleger bedeutet ein zugelassener Emittent mehr Rechtssicherheit, aber nicht automatisch mehr Liquidität.
Der Streit um eine Brücke für globale Token
Ob die Trennung dauerhaft ist, wird in Brüssel diskutiert. Ein Teil der Branche wirbt für ein Gleichwertigkeitsverfahren, das die Heimatregeln eines ausländischen Emittenten anerkennen und so globalen Token einen Weg zurück nach Europa ebnen würde. Befürworter verweisen darauf, dass rund 99 Prozent aller Stablecoins ausserhalb der EU ausgegeben werden und der europäische Markt sich sonst von den grössten Anbietern abkoppelt.
Die Gegenseite argumentiert genau umgekehrt. Ein strenger Rahmen schütze Verbraucher und stärke die Euro-Souveränität, gerade weil dollarbasierte Stablecoins den Markt global dominieren. Aus dieser Sicht ist der erschwerte Zugang zu USDT kein Fehler, sondern die gewollte Wirkung der Verordnung. Welche der beiden Sichtweisen sich durchsetzt, hängt am laufenden Überprüfungsprozess von MiCA, und der ist offen. Welche Schutzrechte die Regeln Kleinanlegern konkret geben, ordnet unser Beitrag zu den MiCA-Schutzrechten für Kleinanleger ein.
Was Anleger daraus mitnehmen
Der Fall Tether zeigt, dass Regulierung den Zugang zu einem Produkt verändern kann, ohne dass mit dem Produkt selbst etwas passiert. Für DACH-Anleger lautet die praktische Konsequenz, bei Stablecoins auf die Zulassung des Emittenten zu achten und konforme Token wie USDC oder EURC zu bevorzugen, wenn der Handel über regulierte Plattformen laufen soll. Solange die Debatte um eine Gleichwertigkeit nicht entschieden ist, bleibt Tether als grösster Stablecoin der Welt im europäischen Markt ein Sonderfall.