Ethereum-Gebühren fallen um 88 Prozent: Layer-2-Dilemma

Base verwaltet 14,4 Milliarden Dollar und zahlt nur 8.800 Dollar an Ethereum. Layer-2-Netzwerke drücken die Gebühren - kann ETH noch Wert erfassen?

Tobias Reinhardt Märkte

Das Base-Netzwerk, Coinbases Layer-2-Lösung auf Ethereum, verwaltet mittlerweile 14,4 Milliarden Dollar an Vermögenswerten. Im September 2026 zahlte das Netzwerk jedoch nur 8.800 Dollar an Gebühren an die Ethereum-Mainchain. Diese Zahl wirft eine unbequeme Frage auf: Kann Ethereum langfristig Wert erfassen, wenn seine Skalierungslösungen die Gebühreneinnahmen auf ein Minimum drücken?

Layer-2-Netzwerke waren als Lösung für Ethereums Skalierbarkeitsproblem gedacht. Sie verarbeiten Transaktionen außerhalb der Hauptkette und bündeln die Ergebnisse in komprimierten Paketen, die dann auf Ethereum abgelegt werden. Das senkt die Kosten für Nutzer drastisch. Eine Transaktion auf Base kostet im Durchschnitt 0,02 Dollar, auf der Ethereum-Mainchain zwischen 2 und 15 Dollar.

Die Zahlen hinter dem Dilemma

Base ist nicht allein. Arbitrum verwaltet 18,2 Milliarden Dollar und zahlt monatlich rund 12.000 Dollar an Ethereum. Optimism hält 9,8 Milliarden und überweist etwa 15.000 Dollar. Zusammen verwalten die fünf größten Layer-2-Netzwerke 52 Milliarden Dollar - und zahlen weniger als 50.000 Dollar pro Monat an die Hauptkette.

Zum Vergleich: Im Jahr 2021, vor dem Aufstieg der Layer-2-Lösungen, generierte Ethereum monatlich zwischen 800 Millionen und 1,2 Milliarden Dollar an Gebühren. Im September 2026 lagen die monatlichen Gebühren bei 140 Millionen Dollar. Der Rückgang um 88 Prozent fällt zeitlich mit dem Wachstum der Layer-2-Ökosysteme zusammen.

Die Ethereum Foundation argumentiert, dass Layer-2-Netzwerke das Gesamtvolumen erhöhen und langfristig mehr Gebühren generieren werden. Die Daten stützen diese These bislang nicht. Das kombinierte Transaktionsvolumen aller Layer-2-Netzwerke übertrifft das der Mainchain um das Zwölffache, aber die Gebühreneinnahmen sind um 85 Prozent gesunken.

Warum Layer-2-Gebühren so niedrig sind

Layer-2-Netzwerke verwenden verschiedene Technologien, um Daten zu komprimieren. Base nutzt Optimistic Rollups, die davon ausgehen, dass Transaktionen gültig sind, es sei denn, jemand widerspricht. Arbitrum verwendet eine ähnliche Methode. zkSync und StarkNet setzen auf Zero-Knowledge-Proofs, die mathematisch beweisen, dass Transaktionen korrekt sind, ohne alle Details offenzulegen.

Beide Ansätze erreichen Kompressionsverhältnisse von 100:1 oder mehr. Das bedeutet: 100 Layer-2-Transaktionen werden in einem einzigen Ethereum-Block abgelegt. Jede dieser 100 Transaktionen zahlt eine Gebühr an das Layer-2-Netzwerk, aber nur eine Gebühr geht an Ethereum.

Die Rechnung ist einfach. Wenn Base 10 Millionen Transaktionen pro Tag verarbeitet und jede 0,02 Dollar kostet, nimmt Base 200.000 Dollar täglich ein. Ethereum erhält davon einen Bruchteil - etwa 300 Dollar pro Tag oder 9.000 Dollar pro Monat. Der Rest bleibt bei Base.

Der Vergleich mit Solana

Solana verarbeitet alle Transaktionen auf einer einzigen Blockchain ohne Layer-2-Konstruktion. Die durchschnittliche Transaktionsgebühr liegt bei 0,0001 Dollar, deutlich unter Base. Trotzdem generiert Solana höhere Gebühreneinnahmen als Ethereum, weil das Transaktionsvolumen um das 20-fache höher liegt.

Im September 2026 verarbeitete Solana durchschnittlich 65 Millionen Transaktionen pro Tag. Ethereum und alle seine Layer-2-Netzwerke zusammen kamen auf 48 Millionen. Solanas Gebühreneinnahmen betrugen 180 Millionen Dollar für den Monat, verglichen mit Ethereums 140 Millionen. Dabei kostet eine Solana-Transaktion 200-mal weniger als eine Ethereum-Transaktion.

Der Unterschied liegt in der Architektur. Solana hat keine Zwischenebene, die Gebühren abschöpft. Jede Transaktion zahlt direkt an Validatoren auf der Hauptkette. Bei Ethereum fließt der Großteil der Gebühren an die Layer-2-Betreiber.

Was Layer-2-Betreiber mit den Gebühren machen

Base gehört Coinbase, einer börsennotierten Aktiengesellschaft. Die Gebühreneinnahmen fließen in Coinbases Bilanz. Arbitrum gehört Offchain Labs, einem privaten Unternehmen mit Risikokapitalfinanzierung. Optimism wird von der Optimism Foundation betrieben, die einen Teil der Einnahmen für Entwicklerförderung ausgibt.

Keines dieser Modelle leitet Wert an Ethereum-Halter weiter. ETH-Inhaber profitieren nur, wenn Layer-2-Netzwerke hohe Gebühren an die Mainchain zahlen. Das geschieht derzeit nicht.

Einige Layer-2-Netzwerke haben eigene Token eingeführt. Arbitrums ARB-Token und Optimisms OP-Token erfassen einen Teil des Werts, der im jeweiligen Ökosystem generiert wird. Aber auch diese Wertschöpfung kommt nicht bei Ethereum an.

Die Gegenargumente

Befürworter von Ethereums Layer-2-Strategie verweisen auf drei Punkte. Erstens: Layer-2-Netzwerke erhöhen die Nachfrage nach Ethereum-Blockraum langfristig. Wenn mehr Nutzer zu Layer-2 wechseln, steigt das Datenvolumen, das auf der Mainchain abgelegt werden muss. Das treibt die Gebühren.

Die Daten widerlegen dies bislang. Die Anzahl der Layer-2-Transaktionen ist seit 2024 um das Achtfache gestiegen. Die Ethereum-Gebühren sind im gleichen Zeitraum um 75 Prozent gefallen.

Zweitens: Ethereums Wert liegt in der Sicherheit, nicht in den Gebühren. Layer-2-Netzwerke zahlen für die Sicherheit, indem sie ihre Daten auf Ethereum ablegen. Das macht ETH wertvoller als Sicherheitsanker.

Dieser Punkt hat Substanz. Aber er erklärt nicht, warum ETH seit dem Start der Layer-2-Ära um 35 Prozent gegenüber Bitcoin gefallen ist. Wenn der Markt Ethereums Sicherheitsfunktion schätzen würde, müsste sich das im Preis widerspiegeln.

Drittens: Die niedrigen Gebühren sind vorübergehend. Sobald Ethereum auf Proof-of-Stake umgestellt ist und Sharding implementiert wird, ändert sich die Dynamik. Ethereum läuft bereits seit September 2022 auf Proof-of-Stake.

Sharding wurde mehrfach verschoben und ist frühestens 2027 zu erwarten. In der Zwischenzeit wachsen die Layer-2-Netzwerke weiter.

Was das für Anleger bedeutet

Das Layer-2-Dilemma schafft eine Asymmetrie. Layer-2-Token wie ARB und OP erfassen den Wert, der in ihren Netzwerken entsteht. ETH erfasst einen Bruchteil davon. Für Anleger, die auf Ethereums Wachstum setzen wollen, könnte es sinnvoller sein, Layer-2-Token statt ETH zu halten.

Die Frage ist nicht, ob Layer-2-Netzwerke erfolgreich sind. Sie sind es bereits. Die Frage ist, ob dieser Erfolg Ethereum selbst nützt. Die aktuellen Zahlen legen nahe: nur begrenzt.

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