Die Europäische Zentralbank will die 60-Prozent-Regel für Stablecoin-Reserven abschaffen. Circle schloss sich der Forderung an. Die Regel zwingt Stablecoin-Herausgeber, mindestens 60 Prozent ihrer Reserven auf Bankkonten zu halten. EZB und Circle argumentieren, die Vorschrift gefährde die Finanzstabilität und behindere Innovation.
Die Markets in Crypto-Assets Regulation schreibt vor, dass Stablecoin-Emittenten ihre Reserven zu mindestens 60 Prozent als Bankeinlagen halten müssen. Der Rest darf in kurzlaufenden Staatsanleihen oder Geldmarktfonds liegen. Die Regel soll Liquidität sicherstellen. Stablecoin-Inhaber sollen jederzeit auszahlen können.
Die EZB hält das Konzept für riskant. In einem Konsultationspapier vom September 2026 argumentierte die Zentralbank, große Stablecoin-Reserven könnten Banken destabilisieren. Wenn ein Stablecoin-Emittent mit zehn Milliarden Euro Reserven diese bei einer Handvoll Banken hinterlegt, entstehe Klumpenrisiko.
Warum die EZB die Regel kippen will
Das Szenario der EZB: Ein Stablecoin gerät in eine Krise. Nutzer lösen ihre Token in Euro ein. Der Emittent muss Reserven abziehen. Die Banken verlieren binnen Stunden Einlagen im Milliardenbereich. Das kann Liquiditätsprobleme auslösen, besonders bei kleineren Banken.
Die EZB schlägt stattdessen vor, Reserven primär in Staatsanleihen oder bei der Zentralbank zu halten. Staatsanleihen gelten als sicherer. Sie können jederzeit verkauft oder als Sicherheit hinterlegt werden. Eine Hinterlegung bei der Zentralbank würde das Risiko komplett eliminieren.
Circle argumentiert aus anderer Perspektive. Der Stablecoin-Herausgeber veröffentlichte im Oktober 2026 ein Positionspapier. Darin heißt es, die 60-Prozent-Regel benachteilige europäische Emittenten gegenüber Konkurrenten aus den USA oder Asien. Tether halte seine Reserven in US-Staatsanleihen. USDC in den USA ebenfalls. Beide müssten für Europa umstrukturieren.
Circles Argument: Wettbewerbsnachteil
Circle betreibt USDC, den zweitgrößten Stablecoin nach Tether. USDC hält laut eigenen Angaben Reserven in kurzlaufenden US-Staatsanleihen und Bargeld. Die Struktur erzielt Zinsen. Diese fließen derzeit an Circle. Unter MiCA könnte Circle sie an europäische Nutzer weitergeben, darf aber nicht für indirekte Erträge werben.
Circle argumentiert, die Bankeinlagen-Regel verteuere den Betrieb in Europa. Bankkonten kosten Gebühren. Staatsanleihen werfen Zinsen ab. Wenn Circle gezwungen ist, 60 Prozent der Reserven unverzinst zu halten, sinkt die Rentabilität. Tether lehnte eine MiCA-Lizenz ab. USDC könnte folgen.
Das würde die EU in eine paradoxe Lage bringen. MiCA soll den Markt regulieren und Anleger schützen. Wenn aber die größten Stablecoins Europa meiden, weichen Nutzer auf unlizenzierte Anbieter aus. Circle warnt genau davor.
Deutschland zwischen EZB und Markt
Für Deutschland ist die Debatte besonders relevant. Die BaFin lizenziert Stablecoin-Emittenten unter MiCA. Bisher hat kein großer Anbieter eine deutsche Lizenz beantragt. Die meisten nutzen Passporting aus anderen EU-Ländern. Deutschland bleibt Durchgangsmarkt, nicht Standort.
Die Bundesbank hat sich zur 60-Prozent-Regel noch nicht öffentlich geäußert. Intern gilt sie als Unterstützerin der EZB-Position. Die Deutsche Bundesbank sitzt im Eurosystem. Positionen werden dort abgestimmt. Eine offene Abweichung wäre ungewöhnlich.
Für deutsche Anleger spielt die Diskussion eine indirekte Rolle. Wenn große Stablecoins Europa verlassen, bleiben nur kleinere, weniger liquide Alternativen. Euro-Stablecoins wie EUROC oder EURCV wachsen, bleiben aber winzig im Vergleich zu USDT oder USDC. Das Handelsvolumen in Euro-Stablecoins liegt unter fünf Prozent des Dollar-Volumens.
Was die Regel für Emittenten bedeutet
Ein Stablecoin-Emittent mit einer Milliarde Euro Reserven muss nach aktueller MiCA-Regel mindestens 600 Millionen Euro auf Bankkonten halten. Der Rest darf in Staatsanleihen fließen. Die Staatsanleihen werfen bei aktuellen Zinsen rund 3,5 Prozent pro Jahr ab. Die 600 Millionen auf dem Bankkonto kosten Gebühren und bringen keine Zinsen.
Wenn die Regel fällt, könnte der Emittent die gesamte Milliarde in Staatsanleihen stecken. Der Zinsertrag steigt. Die Kosten sinken. Circle könnte die Erträge an Nutzer weitergeben oder selbst behalten. Tether macht genau das seit Jahren. Die Gewinne liegen im Milliardenbereich.
Die EZB sieht darin kein Problem, solange die Reserven nicht bei Banken liegen. Staatsanleihen gelten als systemrelevant sicherer. Ein Bank-Run auf Stablecoins würde den Anleihenmarkt kaum belasten. Banken dagegen könnten kollabieren.
Zeitplan und politische Realität
MiCA ist seit Ende 2024 in Kraft. Änderungen erfordern einen politischen Prozess. Die Europäische Kommission muss einen Vorschlag vorlegen. Parlament und Rat müssen zustimmen. Das dauert Jahre. Eine Überarbeitung vor 2028 ist unwahrscheinlich.
Die aktuelle Konsultation der EZB läuft bis Ende Oktober 2026. Die Ergebnisse fließen in eine Stellungnahme ein. Diese geht an die Kommission. Ob daraus eine Gesetzesänderung wird, ist offen. Die 27 Mitgliedstaaten haben unterschiedliche Positionen. Kleinere Länder mit wenig Bankeninfrastruktur könnten gegen die Regel stimmen. Deutschland und Frankreich werden die EZB stützen.
Für Stablecoin-Nutzer bleibt vorerst alles beim Alten. USDC und EURCV halten ihre Reserven nach MiCA-Regel. Tether bleibt außen vor. Die Diskussion zeigt aber, dass MiCA kein statisches Regelwerk ist. Die ersten Monate des Vollzugs decken Konstruktionsfehler auf. Die 60-Prozent-Regel könnte der erste größere Stolperstein sein.