Tether lehnt MiCA-Lizenz ab - EZB will die 60-Prozent-Regel streichen

Tether verzichtet wegen der 60-Prozent-Depositenregel auf eine EU-Lizenz. Nun fordert die EZB, genau diese Regel zu streichen. USDT bleibt in der EU verbannt.

Lena Brandhorst Analyse

Tether lehnt MiCA-Lizenz wegen Reserveregel ab

Tether, der Herausgeber des weltweit größten Stablecoins USDT, hat am 22. September 2026 offiziell bestätigt, keine Lizenz unter der EU-Verordnung MiCA (Markets in Crypto-Assets) zu beantragen. Als Hauptgrund nannte das Unternehmen die Vorschrift, mindestens 60 Prozent der Reserven in Bankeinlagen bei europäischen Kreditinstituten zu halten. Diese Regelung sei wirtschaftlich nicht tragbar und widerspreche dem eigenen Sicherheitskonzept.

Die Ironie: Genau diese 60-Prozent-Regel will die Europäische Zentralbank nun abschaffen. Am selben Tag veröffentlichte die EZB gemeinsam mit den nationalen Zentralbanken der Eurozone eine Stellungnahme, in der sie Brüssel auffordert, die Depositenquote aus MiCA zu streichen. Die Zentralbanken argumentieren, die Regel erhöhe systemische Risiken im Bankensektor, ohne die Stabilität von Stablecoins zu verbessern.

Die 60-Prozent-Regel und ihre Folgen

MiCA verlangt von Emittenten bedeutender Stablecoins, dass mindestens 60 Prozent der Reserven in Form von Sichteinlagen oder Tagesgeld bei Banken in der EU gehalten werden. Die Idee: Durch diese Konzentration sollen die Mittel schnell verfügbar sein, um Rücknahmen zu bedienen. Kritiker sehen darin eine versteckte Subvention für europäische Banken, die von den zinslosen oder gering verzinsten Einlagen profitieren.

Tether hält derzeit nach eigenen Angaben etwa 85 Prozent seiner Reserven in kurzlaufenden US-Staatsanleihen und nur einen kleinen Teil in Bankeinlagen. Müsste das Unternehmen 60 Prozent der über 120 Milliarden Dollar bei europäischen Banken parken, würde das nicht nur Erträge kosten, sondern auch ein Konzentrationsrisiko schaffen. Fällt eine Bank aus, könnte die gesamte Stablecoin-Konstruktion kollabieren.

Die EZB teilt diese Bedenken nun. In ihrer Stellungnahme heißt es, große Depositenvolumina bei wenigen Banken könnten Liquiditätsengpässe verschärfen. Zudem sei unklar, wie die Einlagensicherung greift, wenn ein Stablecoin-Emittent gleichzeitig Milliarden bei mehreren Instituten hält. Die nationalen Sicherungssysteme seien für solche Größenordnungen nicht ausgelegt.

USDT bleibt faktisch aus der EU verbannt

Seit dem 30. Juni 2026 dürfen EU-regulierte Börsen USDT nur noch für Bestandskunden anbieten. Ab dem 1. Januar 2027 tritt ein vollständiges Verbot für nicht-lizenzierte Stablecoins in Kraft. Circle, der Herausgeber von USDC, hat bereits eine MiCA-Lizenz in Frankreich erhalten. Damit wird USDC zum dominierenden Dollar-Stablecoin in Europa, während USDT auf außereuropäische Börsen und dezentrale Plattformen ausweicht.

Deutsche Nutzer weichen zunehmend auf USDC aus oder nutzen Euro-Stablecoins wie EURC. Laut Daten von DefiLlama stieg der USDC-Anteil an europäischen DeFi-Protokollen im September auf 68 Prozent, während USDT auf 22 Prozent fiel. Vor MiCA lag das Verhältnis bei 45 zu 50 Prozent. Diese Verschiebung beschleunigt sich, je näher das vollständige Verbot rückt.

Was passiert, wenn die Regel fällt

Die EZB schlägt vor, die 60-Prozent-Depositenregel durch eine flexiblere Liquiditätsanforderung zu ersetzen. Emittenten sollen nachweisen, dass sie binnen 24 Stunden ausreichend Mittel mobilisieren können, ohne eine bestimmte Anlageform vorzuschreiben. Das könnte den Weg für Tether ebnen, doch das Unternehmen hat bislang nicht signalisiert, ob es dann eine Lizenz beantragen würde.

Die Änderung von MiCA erfordert einen Durchlauf durch das Trilog-Verfahren zwischen Kommission, Parlament und Rat. Das dauert Monate, möglicherweise bis ins zweite Quartal 2027. Bis dahin bleibt USDT für EU-Nutzer schwer zugänglich. Politische Beobachter rechnen damit, dass die Europäische Kommission dem Vorschlag der EZB folgt, da sie selbst Bedenken gegenüber der Depositenregel geäußert hat. Das Parlament könnte jedoch auf Nachbesserungen bestehen.

Der Widerspruch im Regulierungsansatz

Die Episode offenbart einen grundsätzlichen Widerspruch in der europäischen Krypto-Regulierung. MiCA sollte einen einheitlichen Rahmen schaffen, der Innovation ermöglicht und gleichzeitig Verbraucher schützt. Die 60-Prozent-Depositenregel wurde als Sicherheitsmaßnahme eingeführt, basierend auf der Annahme, dass Bankeinlagen sicherer seien als andere Anlagen. Die Zentralbanken kommen nun zum gegenteiligen Schluss.

Dieser Kurswechsel zeigt, wie schwierig es ist, Regelwerke für neue Technologien zu schreiben. Als MiCA 2023 verabschiedet wurde, waren die systemischen Risiken großer Stablecoin-Volumina noch nicht vollständig verstanden. Die Praxis zeigt nun, dass eine Konzentration von Milliarden bei wenigen Banken gefährlicher sein kann als eine Diversifikation über Staatsanleihen verschiedener Laufzeiten.

DACH-Perspektive: BaFin bleibt streng

In Deutschland hat die BaFin bislang 79 Anbieter unter MiCA lizenziert. Keiner davon bietet USDT an. Die Behörde signalisiert keine Bereitschaft, von MiCA-Vorgaben abzuweichen, selbst wenn die EZB Änderungen vorschlägt. Österreichs FMA und die Schweizer FINMA beobachten die Entwicklung, sind aber als Nicht-EU-Behörde nicht an MiCA gebunden. In der Schweiz bleibt USDT über lokale Börsen verfügbar.

Für Anleger bedeutet das: Wer USDT in Deutschland halten will, muss auf nicht-regulierte Plattformen oder Self-Custody-Wallets ausweichen. Das erhöht das Risiko, aber die Nachfrage bleibt bestehen, besonders für grenzüberschreitende Überweisungen außerhalb des SEPA-Raums. Die Spreads zwischen USDT-Kursen auf EU-regulierten und nicht-regulierten Börsen liegen mittlerweile bei bis zu 0,3 Prozent. Diese Preisdifferenz schafft Arbitragemöglichkeiten, ist aber auch ein Zeichen der Fragmentierung.

Ausblick: MiCA als lernendes System

Die mögliche Korrektur der Depositenregel wäre die erste substanzielle Änderung an MiCA seit ihrem Inkrafttreten. Sie würde zeigen, dass der Regulierungsrahmen nicht in Stein gemeißelt ist, sondern an neue Erkenntnisse angepasst werden kann. Für die Krypto-Industrie ist das eine positive Entwicklung, auch wenn sie zu spät kommt, um Tether zum Umdenken zu bewegen.

Sollte die Regel fallen, bleibt die Frage, ob andere Stablecoin-Emittenten wie Paxos oder Binance USD in die EU zurückkehren. Viele haben sich nach dem MiCA-Start auf andere Regionen konzentriert. Die EU-Kommission hofft, dass eine flexiblere Regelung den Wettbewerb wiederbelebt und verhindert, dass USDC eine Monopolstellung aufbaut.

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