Indiens tokenisierte Anleihen sind live, der Handel fehlt noch

Indien tokenisiert seinen Anleihemarkt und wickelt über den digitalen Rupie ab. 116 Millionen Dollar sind ausgegeben, ein Handelsplatz fehlt bis Dezember.

Tobias Reinhardt Technologie

Indien hat begonnen, seinen rund 620 Milliarden US-Dollar grossen Markt für Unternehmensanleihen auf eine Blockchain zu bringen. In einem Pilotprojekt der Wertpapieraufsicht SEBI, intern Demat 2.0 genannt, wurden erste tokenisierte Anleihen ausgegeben und über den digitalen Zentralbank-Rupie der Reserve Bank of India abgewickelt. Innerhalb einer Woche kamen so Papiere im Wert von 1.025 Crore Rupien zusammen, umgerechnet etwa 116 Millionen US-Dollar.

Der entscheidende Punkt ist ein anderer: Die Papiere existieren, aber ein Markt zum Handeln fehlt noch. Für Anleger im DACH-Raum lohnt der Blick trotzdem, denn auch die Europäische Zentralbank und die Deutsche Börse arbeiten an genau dieser Verbindung von Wertpapieren und digitalem Zentralbankgeld.

Was Indien konkret ausgegeben hat

Den Anfang machte am 7. September der staatliche Finanzierer REC Limited mit einer Anleihe über 500 Crore Rupien, rund 56 Millionen US-Dollar, mit einer Laufzeit von einem Jahr und neun Monaten und einem Kupon von 7,30 Prozent. Am 9. September folgten der Industriekonzern Larsen and Toubro mit 500 Crore Rupien über drei Jahre zu 7,40 Prozent sowie der Finanzdienstleister IIFL Finance mit 25 Crore Rupien über zwei Jahre zu 9,10 Prozent.

Die REC-Anleihe zog nach Angaben aus dem Umfeld der Emission rund 20 institutionelle Käufer an, das Orderbuch war etwa 1,6-fach überzeichnet. Als Zeichner traten grosse Geschäftsbanken wie HDFC Bank, ICICI Bank, Axis Bank und Yes Bank auf. Es handelt sich also um einen reinen Grosskundenmarkt, Privatanleger sind vorerst aussen vor. Auch die Stückelung und die Mindestbeträge sprechen klar gegen einen breiten Zugang.

Die Abwicklung ist der eigentliche Fortschritt

Neu ist nicht die Anleihe, sondern wie sie den Besitzer wechselt. Die tokenisierten Anleihen liegen als digitale Token auf einem zugangsbeschränkten Register, das von regulierten Marktinstitutionen betrieben wird. Die Bezahlung läuft über Wallets mit dem digitalen Grosskunden-Rupie, dem sogenannten e-Rupie im Wholesale-Format.

Beide Seiten des Geschäfts, Wertpapier und Geld, wechseln gleichzeitig auf einem gemeinsamen Register den Besitzer. Dieses Prinzip heisst atomare Lieferung gegen Zahlung. Es verkürzt einen Abwicklungsprozess, der bisher mehrere Tage dauern konnte, auf denselben Tag. Zinszahlungen und Rückzahlungen sollen künftig über Smart Contracts automatisch ablaufen, was Fehlerquellen und Zwischenhändler reduziert.

Warum der Handel noch fehlt

So weit das Versprechen. In der Praxis gibt es laut indischen Wirtschaftsmedien noch keinen Mechanismus, um die Token untereinander zu handeln. Berichten zufolge gilt für die Papiere zunächst eine Sperrfrist von rund drei Monaten, und die Börsen sollen bis Dezember 2026 einen Handelsplatz aufbauen. Ausgegeben und gelistet zu sein ist eben nicht dasselbe wie ein aktiver Markt mit Kauf- und Verkaufskursen. Ohne laufenden Handel können Zeichner ihre Papiere vor der Fälligkeit kaum verkaufen, und ohne fortlaufende Kurse fehlt eine verlässliche Bewertung. Genau diese Liquidität ist es, die einen tokenisierten Markt von einem reinen Register unterscheidet.

P. Vasudevan, Exekutivdirektor der Reserve Bank of India, äusserte sich offen, aber vorsichtig. Als offene Fragen nannte er Rechtssicherheit, Datenschutz, die Verwaltung von Einwilligungen, die Interoperabilität der Systeme und das Risiko, dass sich die Aktivität auf zu wenige Plattformen konzentriert. Genau diese Punkte entscheiden darüber, ob aus dem Pilot ein tragfähiger Markt wird.

Was das für den DACH-Raum bedeutet

Europa verfolgt einen ähnlichen Weg, nur langsamer und stärker reguliert. Unter der EU-Verordnung MiCA sind Kryptowerte einheitlich beaufsichtigt, und mit dem digitalen Euro plant die EZB eine eigene Form von digitalem Zentralbankgeld. Wie weit dieser Prozess ist, zeigt der Fortschritt beim digitalen Euro im europäischen Gesetzgebungsverfahren.

Auch die Tokenisierung realer Vermögenswerte ist in Europa längst ein Thema. Erst kürzlich wurde diskutiert, was höhere Zinsen für tokenisierte Anleihen und ihre Nachfrage bedeuten. Und auf Handelsplattformen tauchen bereits tokenisierte Aktien grosser Unternehmen auf, wenn auch ausserhalb des klassischen Börsenhandels.

Das indische Projekt liefert damit eine Blaupause und eine Warnung zugleich. Die technische Grundlage für tokenisierte Anleihen mit Abwicklung in Zentralbankgeld steht, doch ohne funktionierenden Sekundärmarkt bleibt der Nutzen begrenzt. Dieser Beitrag ordnet die Entwicklung ein und ersetzt keine individuelle Anlage- oder Steuerberatung. Die genannten Zahlen und Daten beziehen sich auf die Woche vom 7. bis 12. September 2026.

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